Michael-und-Claudia-Borgolte-Stiftung zur Förderung der Geschichtswissenschaften

Am 12. Juli 2019 wurde im Rahmen der Absolventenfeier des Instituts für Geschichtswissenschaften zum vierten Mal nach 2013 der Otto-Hintze-Nachwuchspreis verliehen, der wieder mit 3000 € dotiert war. Ausgezeichnet wurde Anja Laukötter für ihre Dissertation „Politik im Kino. Eine Emotions- und Wissenschaftsgeschichte des Sexualaufklärungsfilms im 20. Jahrhundert“.

Das Jury-Mitglied Michael Borgolte hielt folgende Laudatio auf Werk und Person:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende und Studierte,

den Otto-Hintze-Nachwuchspreis 2019 verleiht die Borgolte-Stiftung Frau Dr. Anja Laukötter für ihre Habilitationsschrift „Politik im Kino. Eine Emotions- und Wissenschaftsgeschichte des Sexualaufklärungsfilms im 20. Jahrhundert“. Ich habe die Freude und Ehre, die Entscheidung des Vorstandes, der als Jury fungierte, zu begründen.

Die Abhandlung von Frau Dr. Laukötter nimmt mit dem Kino einen Ort der gegenwärtigen Gesellschaft in den Blick, an dem bewegte Bilder zur Änderung von Einstellungen, Verhalten und Handeln der Menschen beitragen, beitragen können oder beitragen sollen. Mit dem Sexualaufklärungsfilm widmet sie sich einer Art dieses Mediums, die – wie gezeigt werden kann – seit Beginn des vorigen Jahrhunderts eine globale Mediengesellschaft konstituiert hat. Die rund 150 Filme ihres Samples lassen sich nach Produktion und Wirkungsweise neben Deutschland mit zahlreichen anderen Ländern – den USA und in Europa, in Einzelfällen sogar mit Indien und vielleicht den zeitweiligen Ostblockstaaten,  mit Südamerika und Japan, in Verbindung bringen. Da es sich bei den Streifen nicht um Unterhaltung, sondern um Gesundheitsvorsorge handelt, war die Wissenschaft stets der visuelle und epistomologische Referenzrahmen der Filme; in Wechselwirkung mit ihr standen die Emotionen, denen keine bloß instrumentelle Rolle zugewiesen wurde, sondern die mit Hilfe der Filme performativ eingeübt werden sollten. Das Miterleben der Filme diente, wenigstens in bestimmten Perioden der Filmgeschichte, auch zur Gefühlserziehung. Mit ihren Intentionen, die Subjekte ihrer Betrachtung zu steuern und damit ganze Gesellschaften zu verändern, waren und sind Sexualaufklärungsfilme politische Unternehmungen, sei es des Staates, sei es anderer Institutionen oder sozialer Gruppen.

Anja Laukötter verbindet in ihrem Werk die traditionelle Politik- mit der rezenten Globalgeschichte, folgt dem ‚visual turn‘ und lotet die Reichweite einer Wissenschaftsgeschichte als Emotionsgeschichte aus. Um den verschiedenen Untersuchungsebenen gerecht zu werden, arbeitet sie mit dem Begriff des Dispositivs nach Michel Foucault. Das Kino- oder Filmdispositiv umschreibt, ich darf zitieren, „das Netzwerk von Beziehungen und kommunikativen Rollen, die zwischen Leinwand und Zuschauer(raum) ausgetragen werden. Die dispositive Ordnung des Films und Kinos umfasst also nicht nur den Film selbst, sondern inkludiert das gesamte Filmsetting in die Analyse, vom Raum der Vorführung, der Platzierung der Zuschauer, technischen Entwicklungen bis hin zu kulturellen Traditionen und Diskursen.“

Auf der Grundlage der skizzierten Theorien und methodischen Exposition untersucht Laukötter ein Filmcorpus vom Ersten Weltkrieg bis 1990 und periodisiert den Stoff entlang deutscher politischer Systeme: Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Besatzungszeit und Zeit der Teilung in BRD und DDR. Dabei werden insbesondere die USA und Frankreich stets vergleichend und beziehungsgeschichtlich einbezogen. Das Ziel der Sexualaufklärung waren fast ausschließlich die Vorsorge und Behandlung von Geschlechtskrankheiten, vor allem Gonorrhö, Syphilis und Aids, während die Adressaten und die Intonationen wechselten. Standen im frühen 20. Jahrhundert mit einem kollektivistischen Ansatz die Soldaten und die städtische Bevölkerung im Vordergrund, so konzentrierten sich die Filme der Besatzungszeit auf die Individuen in der gesamten Bevölkerung, besonders aber die Jugend als Träger einer neuen, unbelasteten Gesellschaft.

Zur Zeit des Ersten Weltkrieges dienten die Filme in erster Linie dazu, die fatalen Folgen ungeschützten Sexualverkehrs vor allem mit Prostituierten durch bewegte Bilder, inserierte Schrifttafeln oder Diagramme sowie begleitende mündliche Kommentare zu vermitteln. Die Tragweite des Problems verdeutlicht das Urteil eines zeitgenössischen Experten, dass im Krieg gegen die Seuchen ebenso viele Opfer zu beklagen seien wie im Krieg mit den Waffen. Als Gegenmittel empfahl man Enthaltsamkeit; erzieherisch eingesetzt wurde die Erzeugung von Angst, die im Falle der Infektion auch zur Überwindung der Scham und der rechtzeitigen, erfolgversprechenden Konsultation eines Arztes verhelfen sollte. Obwohl die amerikanischen Behavioristen Watson und Lashley schon Anfang der 1920er Jahre durch Zuschauerbefragungen und -beobachtungen zeigen konnten, dass Angst Verhalten nicht wandele, andere Gefühle indessen durchaus effektiv zur Vermittlung von Wissen dienen könnten, blieb die Emotion der Angst das beliebteste cineastische Mittel der Abschreckung in der ganzen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Bemerkenswerte Neuerungen brachten Faschismus und Nationalsozialismus. Es war Mussolini, der 1928 ein Internationales Institut für Lehrfilmwesen gründete, das unter anderem der Gesundheitsaufklärung dienen sollte. Knapp zehn Jahre später wurde das Institut geschlossen, als Italien den Völkerbund verließ. Im Dritten Reich setzte sich nach entsprechenden Ansätzen in der Weimarer Republik ein anderes Management der Gefühle durch. Zumindest in den Soldatenfilmen wurde Sexualität jetzt mit positiven Emotionen konnotiert, da man ihr eine Erhöhung der Wehrhaftigkeit zuschrieb; ein sexuell befriedigter Soldat sei der bessere Kämpfer. Im Zweiten Weltkrieg sollten Bordelle mit medizinisch überwachten Prostituierten an jeder Front errichtet werden. Alternativ wurden Kondome an die Truppen ausgegeben, von den Vorgesetzten für jeden Soldaten zwölf pro Monat. Die Absage an die überkommenen emotionalen Abschreckungsszenarien im Film bedeuteten zunächst einen Kontinuitätsbruch, da längere Zeit gar keine Sexualaufklärungsfilme mehr gedreht wurden, die sich an eine Öffentlichkeit jenseits des Militärs wandten. Als dies seit Beginn der 1940er Jahre wieder geschah, wurde sexuelle Freizügigkeit durchaus bejaht, indessen wie früher vor falscher Scham bei Infektionen gewarnt; jetzt aber sollte jeder Beschauer eines Films persönlich angesprochen werden, seine Verantwortung für sich und die Volksgemeinschaft wahrzunehmen. Bezeichnenderweise trug ein wichtiger Film den Titel „Ein Wort von Mann zu Mann“. Zwischen dem ärztlichen Ratgeber und dem Soldaten im Film sollte eine Dynamik des Vertrauens entstehen, die den Zuschauer einschloss und „seelisch bereicherte“. Auch in amerikanischen Sexualaufklärungsfilmen wurde der Soldat bei der Sexualhygiene als aktiv und präventiv Handelnder dargestellt. Die bei den Amerikanern weiterhin ausgeprägte Tendenz zu sexueller Enthaltsamkeit wurde jetzt spürbar durch die Sorge vor der Begünstigung von Homosexualität gedämpft. Die filmische Vorführung des richtigen Gebrauchs von Kondomen soll, wie Wissenschaftler beobachtet haben wollen, bei den Angehörigen der Army allerdings große Heiterkeit ausgelöst haben.

Die Gefahren durch Geschlechtskrankheiten haben sich in den späteren Jahrzehnten der Bundesrepublik und der DDR nicht vermindert; zu den alten Seuchen, die seit Entdeckung von Antibiotika zwar erfolgreich behandelt werden können, aber keineswegs ausgerottet sind, kam bekanntlich seit den frühen 1980er Jahren Aids hinzu. Neuere Filme setzen weiterhin auf aufklärerische Appelle an den Einzelnen, auch wenn Bezüge auf den Dienst am Gemeinwohl oder gar der Volksgemeinschaft natürlich jetzt fehlen. Laukötter spricht von einer „Anleitung zur Selbstführung in der Bundesrepublik Deutschland“. In der DDR habe indessen der Sexualaufklärungsfilm der „Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit“ gedient.

Anja Laukötter hat ihre Untersuchung mit vorbildlicher Stringenz und Disziplin durchgeführt. Methodenbewusstsein und asketische Strenge, gerade auch in der sprachlichen Gestaltung, haben sie in einem heiklen Forschungsfeld voller Fallstricke sicher durchs Gelände geführt. Die Ergebnisse ihrer Abhandlung sind beachtlich, sogar erstaunlich. Ich streiche noch einmal heraus, dass Frau Laukötter die Bedeutung positiver Emotionen in totalitären Systemen freigelegt hat. Am meisten hat mir Stoff zum Nachdenken gegeben, dass sie für das 20. Jahrhundert die „Entwicklung von einer Wissens- zu einer Emotionsgesellschaft“ konstatiert hat. Die seit dem Ersten Weltkrieg erprobte Mobilisierung von Wissen und Emotionen zur Verhaltensänderung beim Zuschauer habe sich seit den 50er Jahren gewandelt. Die bis dahin gewohnte Konzentration auf Prostituierte als Haupt- und den ignoranten Mann als Nebendarsteller der Ansteckung sei durch deutlich gegendert dargestellte Ansteckungswege abgelöst worden, und zwar in West und Ost. Spätestens mit den Aids-Aufklärungsfilmen der späten 80er Jahre sei ein zunehmendes „Ausschleichen“ von wissenschaftlich fundierten Informationen und Bildern zugunsten einer intensiveren Kommunikation von Emotionen festzustellen. Wissen sei mit Emotion verschmolzen. Laukötter markiert mit aller Deutlichkeit die Tragweite ihrer Einsichten: „Eine solche Entwicklung fordert das (westliche) Selbstverständnis einer ‚Wissens- und Informationsgesellschaft‘, die ihre theoretischen und wissenschaftlich fundierten Kenntnisse als zentrale Ressource versteht, heraus. Oder anders gesagt: die Geschichte des Sexualaufklärungsfilms des 20. Jahrhunderts plädiert für eine Umdeutung. Aus einer historischen Perspektive dieses Filmgenres präsentiert sich die Anfang der 1990er Jahre angenommene Wissensgesellschaft vielmehr als eine Emotionsgesellschaft: nicht ein Wissen über Verlaufsentwicklungen von Ansteckungen, sondern die angemessenen Emotionen und ihr ‚richtiges‘ Management galten nun als wichtiges Kapital zur Führung und Selbstverwirklichung des sexuellen Selbst.“

Liebe Frau Laukötter, mit meinem und der gesamten Jury allerherzlichsten Glückwunsch und unserem Dank für Ihre großartige Arbeit darf ich Sie zu mir bitten, um die Urkunde unseres Preises entgegenzunehmen.

 


Zur Vita der Preisträgerin: Anja Laukötter wurde 1972 in Horstmar (Westfalen) geboren; sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Abitur studierte sie Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaften und Ethnologie an der Universität zu Köln, in New York und an der Humboldt-Universität; hier erwarb sie den Magistra- (2001) und Doktortitel (2006). Ihre Dissertation mit dem Titel „Von der ‚Kultur‘ zur ‚Rasse‘ – vom Objekt zum Körper? Völkerkundemuseen und ihre Wissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ erschien 2007. Von 2006 bis 2010 war Anja Laukötter Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin an der Charité, seither ist sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin beschäftigt. Zusammen mit Christian Bonah (Unversität Strasbourg) leitet sie die internationale Forschergruppe „The healthy self as body capital: Individuals, market-based societies and body politics in visual twentieth century Europe“ (ERC Advanced Grant 2016-2021). Ihr Habilitationskolloquium absolvierte sie im Dezember 2018 an der HU. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. Neuere und Neueste Geschichte, Geschichte der Wissenschaften, des Sammelns, des Humanexperiments, der Medien, des Films und des Fernsehens, des (Post-)Kolonialismus und der Emotionen.

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