Der „Preis der Humboldt-Universität für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Mittelalterlichen Geschichte, gestiftet von Michael und Claudia Borgolte“, der mit 10.000 € dotiert ist, wurde 2026 zum fünften Mal verliehen. Bei der Ausschreibung, die zu einer größeren Anzahl herausragender Nominierungen und Bewerbungen führte, setzte sich nach dem Urteil einer hochrangig besetzten Expertenkommission PD Dr. Jan-Hendryk de Boer (Universität Duisburg-Essen) durch.
Die Laudatio hielt Jury-Mitglied Prof.in Dr. Barbara Schlieben am 22. Juni 2026 an der Humboldt-Universität. Hier folgt der Text ihrer Würdigung.
Jan-Hendryk de Boer wird für seine Habilitationsschrift „Das Avignonser Papsttum ermöglichen. Legitimationsstrategien einer angefochtenen Institution“ mit dem Preis der Humboldt-Universität für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Mittelalterlichen Geschichte, gestiftet von Michael und Claudia Borgolte, ausgezeichnet.
Jan-Hendryk de Boer wurde in Göttingen mit einer hochgelobten Arbeit zu Johannes Reuchlin promoviert. Nach der Dissertation wechselte er nach Essen, wo seine heute zu ehrende Habilitationsschrift entstand.
Worum geht es in dem Buch? Ziel der Studie ist nichts Geringeres als die Neubewertung des Papsttums in Avignon. Es wurde bereits von den Zeitgenossen kritisch gesehen – die Studie setzt mit drei zeitgenössischen Stimmen ein, mit Dante Alighieri, der nur die frühen Avignoneser Jahre miterlebte, diese aber auf das Heftigste verurteilte, mit der in Rom lebenden Birgitta von Schweden, die Mitte des 14. Jahrhunderts kein gutes Haar an den Avignoneser Zuständen ließ, und einer Innensicht, der berühmten, anonym überlieferten Epistola Luciferi, die gar die Handschrift des Teufels in Avignon zu erkennen meinte. Die Nachwelt schloss sich ihrem Urteil an. Bis weit ins 20. Jahrhundert verfügten die Päpste in Avignon über keinen guten Leumund: Verweltlichung, Nepotismus, Machtstreben, Prachtentfaltung sind nur einige der Stichworte zum Avignoneser Papsttum, die sich bis heute in der Literatur finden.
De Boers Anliegen, das Papsttum der Jahre von 1309 bis 1376 neu zu bewerten, ist im besten Sinne traditionell; entsprechend minutiös ordnet er seine Überlegungen in die verzweigte Papsttumsforschung ein. Originell ist sein konzeptionelles Anliegen: De Boer kann plausibel machen, dass die Tatsache, dass das Papsttum in Südfrankreich residierte, zeitgenössisch auf historische Zufälle und willentliche Entscheidungen zurückgeführt wurde. Die Bedingungen des Avignoneser Papsttums wurden also als historisch variabel erkannt. Und das hatte zur Folge, dass man Päpsten und Kardinälen zuschrieb, die Situation willentlich und aktiv verändern zu können.
Um es methodischer und in der Diktion von de Boer zu formulieren: „Das Papsttum wurde Gegenstand von Beobachtungen, die die Wirklichkeit als kontingent fasste.“ Für diese zeitgenössischen Kontingenzbeobachtungen und deren Konsequenzen für die herrschaftliche Praxis interessiert sich de Boer. Er zeigt, dass sich die Legitimierung der päpstlichen Herrschaft nicht auf ideengeschichtlicher Ebene vollzog – denkbar wäre ja etwa der Verweis auf die plenitudo potestatis gewesen –, sondern in der Begründung des praktischen Tuns, das die Päpste als prinzipiengeleitetes Handeln darstellten.
Die Prinzipien arbeitet er aus vielfältigen, häufig unedierten Quellen minutiös heraus: aus Briefen, Urkunden und Predigten, aus Traktatliteratur und Dichtung, aus Historiographie und aus Verwaltungsschrifttum. Überzeugend benennt er sie als „Wohlinformiertheit“, „Situationsadäquatheit“, „Bemühen um Ausgleich“ und „die Behauptung, man agiere vorausschauend, alternative Handlungsabläufe abwägend“.
Wunderbar anschaulich präpariert der Verfasser die Prinzipien etwa am Konflikt um die kanarischen Inseln heraus (zu dem man dachte, es sei alles gesagt). So zeigt er, wie sich Clemens VI. 1344 in der Bulle, in der er die Inseln Luis de la Cerda zusprach, als Instanz entwarf, die dazu befugt war, Herrschaftsrechte zu vergeben, als eine Instanz, die situationsadäquat und vorausschauend handelte, wobei die Detailanalyse auch hier wie häufig von wichtigen semantischen Beobachtungen begleitet wird. Die Studie besticht durch solche Detailanalysen im Kleinen ebenso wie durch stupende Belesenheit im Großen.
De Boers Überlegungen sind von den Essener Überlegungen zu Kontingenzkulturen geprägt, doch schlägt er in unterschiedliche Richtungen Weiterentwicklungen vor, die er feinsinnig aus seinem Material ableitet und die für unterschiedliche aktuelle Diskussionen anschlussfähig sein können. So schlägt er einen möglichen Weg zur Versöhnung zwischen praxeologischen und ideengeschichtlichen Perspektiven vor: Weil sich die Päpste als intentional Handelnde darstellten, ihr Handeln entsprechend also weder erratisch noch zufällig sein durfte, muss ihr Nachdenken über das Tun in die Untersuchung von Handlung einbezogen werden. Mit den Avignoneser Päpsten konzipiert De Boer Handeln daher reflexiv.
Mit dieser Konzeption geht zugleich, vielleicht noch wichtiger, und etwas anders gelagert, ein ambitionierter Vorschlag einher, wie sich handlungs- und kommunikationstheoretische Ansätze aufeinander beziehen lassen. Derzeit lässt sich häufig entweder der Vorzug der Handlung gegenüber der Kommunikation oder umgekehrt die Betonung der Kommunikation gegenüber der Handlung beobachten; zuweilen geht das mit der Konstruktion einher, das eine sei unter das jeweils andere zu subsumieren. De Boer schlägt nun vor, beides streng voneinander zu trennen, um Handlung und Kommunikation dann gewinnbringend aufeinander beziehen zu können. Für die Avigoneser Päpste heißt das: Die Prinzipien, die durch das päpstliche herrschaftliche Handeln realisiert wurden, wurden expliziert, die Explikation verschaffte die Anerkennung der Handlung. Eben hierin besteht nach de Boer die zeitgenössische Antwort auf die Kontingenzbeobachtung: Die kommunikative Inszenierung des eigenen Tuns rechtfertigte dasselbe.
Die Jury hat sich einstimmig und voller Überzeugung dafür ausgesprochen, die stupende belesene, subtil aus den Quellen gearbeitete, konzeptionell ambitionierte, wunderbar anschaulich geschriebene, passend zum Thema die Kontingenz des Forschungsprozesses offenlegende Studie mit dem Preis der Michael-und-Claudia-Borgolte-Stiftung auszuzeichnen.
